Musikerdystonie – wenn das Musizieren zum K(r)ampf wird!

Im nachstehenden Artikel beschreibt der Pianist Dr. Andreas Eggertsberger, was „fokale Dystonie“ beim Klavierspielen bedeuten und wie man sie vielleicht verhindern kann. Eine ausführlichere Darstellung wird im kommenden „Rundblick“ veröffentlicht. Dort finden sich dann auch Informationen über seine Debut-CD „Dystonia“, die im Herbst erscheinen wird. Herr Dr. Eggertsberger ist bereit, seine Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen und in einer Selbsthilfegruppe mitzuarbeiten. Interessierte Personen melden sich bitte bei uns, wir werden den Kontakt zu ihm herstellen und bei Bedarf auch die Gründung einer Selbsthilfegruppe unterstützen.

Fokale Dystonie: Ein Problem, dessen sich viele Musiker nicht bewusst sind Vielen Musikern ist die Existenz der fokalen Dystonie nicht bewusst. „Focal what?? That is not a real hand problem. There are pianists who really have problems with their hands. You have no hand problem”, meinte mein Klavierprofessor als ihm 2012 die Diagnose des Arztes mitteilte. Da lag bereits eine jahrelange Odyssee durch viele Musikinstitutionen hinter mir, wo das Problem als solches nicht erkannt wurde oder falsch eingeschätzt. Die ersten konkreten Anzeichen tauchten im Alter von 14 Jahren auf. Von da an hatte ich immer wiederkehrende Probleme. Erst nach ca. 18 Jahren wurde eine konkrete Diagnose gestellt. Über meine Erfahrungen haben ich einen Artikel für Melanie Spanswicks Klavierpädagogik Blog geschrieben: https://melaniespanswick.com/2018/01/08/guest-post-andreas-eggertsberger-speaks-out-about-focal-dystonia/ Die Entwicklung der Musikerdystonie ist, wie auch in meinem Fall, sehr oft schleichend. Dystone Bewegungsabläufe beginnen häufig harmlos. Sie können nach stundenlangem Üben als Folge der muskulären Ermüdung auftreten. Unter Stress speichern sich diese Bewegungsabläufe im Bewegungsgedächtnis ab. Dabei entstehen korrigierbare Bewegungsstörungen, die als „Dynamisches Stereotyp“ bezeichnet werden. Dieser Begriff stammt aus den Sportwissenschaften und bezeichnet diese Form der Fehlleistung nach langem Training. Besteht die Stresssituation weiter und wird keine Pause eingelegt, kann sich daraus die sehr viel schwerer zu behandelnde Musikerdystonie entwickeln. In diesem Sinne gilt es, die langfristige Gefahr dieser Bewegungen zu erkennen und ernst zu nehmen. Oft stellt sich heraus, dass sich diese Bewegungen wieder legen, wenn man sich der Korrektur ernsthaft widmet. Professoren, die sich mit der Dystonie befasst haben, erzählen mir immer wieder, dass sie die typischen Bewegungen sogar sehr häufig beobachten. Sie nehmen das sehr ernst und es wird aktiv an der Stabilisierung der Hand ihrer Studenten gearbeitet. Dies hatte eine Priorität im Unterricht. Und tatsächlich hörten die dystonen Bewegungen wieder auf. Gerade in diesem frühen Stadium kann die Pädagogik ansetzen und hier frühzeitig und auch sehr erfolgreich intervenieren. Doch meist passiert das Gegenteil: die Bewegungen werden zunächst nicht ernst genommen und zunächst weitergespielt. Bis es zu spät ist. Was bedeutet die fokale Dystonie für Musiker? Entscheidend ist es, früh die Symptome ernst zu nehmen. Es gibt oft ein großes Zeitfenster, wo es möglich ist, dem ganzen Spuk ein Ende zu bereiten. Für Musiker gibt es durchaus ein paar Ideen, wie man die Risiken eine Dystonie zu entwickeln minimieren kann. Dabei kommt dem Übe-Prozess eine wichtige Bedeutung zu. Wichtig ist es zu spüren, wenn man aufhören sollte zu üben. Wissenschaftler beobachteten den sogenannten Penelope-Effekt: Bis zu einem gewissen Punkt wird man beim Üben besser. Spielt man darüber hinaus, wird man wieder schlechter. Für Anfänger ist es wichtig, einen Schritt nach dem anderen zu setzen: der Schwierigkeitsgrad sollte schrittweise angehoben werden. Erst nachdem etwas gemeistert wurde und das Bewegungsmuster gelernt wurde und konsolidiert, geht es weiter. Was auch eine zentrale Bedeutung hat, ist die Analyse über Video. Die Augen des Musikers sind selten da, wo man gerade spielt. Die Augen blicken dahin, wohin die Hand gehen wird, aber nicht da, wo sie gerade ist. Für Pädagogen kann es hilfreich sein, die Klavierstudenten ab und an bewusst von der Seite zu beobachten. Erkennt man, dass die Hände sich nicht mehr synchron bewegen, ist es ratsam, sich genauer mit den Bewegungen zu beschäftigen. Die Musikerdystonie ist einer der Gründe, weshalb man nicht nur zuhören, sondern auch zusehen sollte. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man es vermeidet, dass aus Problemchen später Probleme werden. Das zentrale Anliegen ist es, die Zeichen richtig zu deuten und auch ernst zu nehmen. In den Worten von Joanna Cowan White: “It is critical that musicians and teachers keep focal dystonia on the radar. Fortunately, the vast majority will not get focal dystonia, but people should know the signs so they can avoid the common pattern of misreading early symptoms, practicing harder, and thus cementing faulty brain connections.”